In der Nacht zum 2. Februar 1959 starben neun erfahrene Skiwanderer am Nordural unter Umständen, die jahrzehntelang ungeklärt blieben. Sie hatten ihr Zelt von innen aufgeschlitzt und waren ohne Schuhe in die Kälte gelaufen. Die heute plausibelste Erklärung liefert eine Studie von 2021: eine kleine, verzögert abgehende Schneebrettlawine.
Was am Djatlow-Pass wirklich passierte
Der Fall gehört zu den meistdiskutierten Unglücken des 20. Jahrhunderts, und das liegt weniger an dem, was bekannt ist, als an dem, was lange fehlte: eine Erklärung, die alle Beobachtungen zugleich abdeckt. Über die Jahre entstand daraus ein Sammelbecken für Theorien, das von Militärexperimenten bis zum Yeti reicht.
Vorweg das Wichtigste zur Einordnung: Hier sind neun junge Menschen gestorben. Der Fall ist kein Gruselstoff, sondern ein Lawinenunglück mit einer ungewöhnlichen Verkettung von Umständen. Genau diese Verkettung macht ihn interessant.
Die Gruppe und die Route
Am 23. Januar 1959 brach eine Gruppe von zehn Personen vom Polytechnischen Institut in Swerdlowsk auf, dem heutigen Jekaterinburg. Es waren erfahrene Skitouristen, die meisten Studierende oder frisch Absolventen, geleitet von dem 23-jährigen Igor Djatlow. Ziel war der Berg Otorten im Nordural, eine Tour der damals höchsten Schwierigkeitsstufe.
Ein Teilnehmer, Juri Judin, musste wegen Gelenkbeschwerden umkehren. Diese Erkrankung rettete ihm das Leben. Die verbleibenden neun, sieben Männer und zwei Frauen, zogen weiter.
Am 1. Februar schlugen sie ihr Zelt am Osthang eines Bergs auf, den die einheimischen Mansi Cholat Sjachl nennen. Die Übersetzung wird meist mit „Berg der Toten“ angegeben, was gut zur Geschichte passt, unter Sprachforschenden aber umstritten ist. Wahrscheinlich bedeutet der Name schlicht „toter Berg“ im Sinne von unfruchtbar und kahl.
Ungewöhnlich war der Lagerplatz: Statt 1,5 Kilometer weiter unten im Schutz des Waldes zu übernachten, blieben sie auf dem offenen, windigen Hang. Vermutlich wollten sie am nächsten Tag keine Höhenmeter verlieren. Für den Windschutz gruben sie das Zelt teilweise in den Hang ein, eine damals wie heute übliche Technik.

Was die Suchtrupps vorfanden
Als die Gruppe nicht zurückkehrte, begann Ende Februar die Suche. Was gefunden wurde, ergab lange kein stimmiges Bild.
| Befund | Beschreibung |
|---|---|
| Das Zelt | halb verschneit, von innen aufgeschlitzt, Ausrüstung, Schuhe und Kleidung blieben zurück |
| Die Spuren | acht bis neun Fährten führten in ruhigem Gehtempo den Hang hinab, nicht in Panik rennend |
| Erste zwei Opfer | 1,5 Kilometer entfernt an einer Zeder, in Unterwäsche, daneben ein niedergebranntes Feuer |
| Drei weitere | zwischen Zeder und Zelt verteilt, offenbar auf dem Rückweg zum Lager erfroren |
| Die letzten vier | erst im Mai gefunden, in einer Schneemulde in einem Bachbett, besser bekleidet als die anderen |
| Die Verletzungen | bei diesen vier schwere Brustkorb- und Schädelbrüche, teils ohne äußere Wunden |
| Fehlende Weichteile | bei einer Frau fehlte die Zunge, bei zwei Toten die Augäpfel |
| Radioaktivität | auf einzelnen Kleidungsstücken wurden geringe Spuren gemessen |
Die sowjetische Untersuchung wurde im Mai 1959 eingestellt. Die Schlussformel lautete, die Gruppe sei durch eine „elementare Naturgewalt“ umgekommen, der die Menschen nichts hätten entgegensetzen können. Das war weniger eine Erklärung als ein Eingeständnis, dass man keine hatte.

Warum niemand die Lawine sehen wollte
Die naheliegende Erklärung, eine Lawine, wurde jahrzehntelang verworfen, und zwar mit vier scheinbar guten Argumenten:
- Der Hang war mit rund 23 Grad zu flach für eine klassische Lawine
- Die Suchtrupps fanden Wochen später keinerlei Lawinenspuren
- Zwischen dem Aufbau des Zelts und dem Ereignis lagen offenbar Stunden, eine ausgelöste Lawine geht sofort ab
- Die Verletzungen passten nicht zu Lawinenopfern, und die Fußspuren zeigten geordnetes Gehen statt Flucht
Genau an diesen vier Punkten setzt die Forschung von 2021 an.
Die Erklärung von 2021
Die Lawinenforscher Johan Gaume und Alexander Puzrin von der ETH Lausanne und der ETH Zürich veröffentlichten Anfang 2021 eine Modellrechnung, die alle vier Einwände auflöst. Ihr Ergebnis: ein Schneebrett, klein, verzögert und deshalb unsichtbar.
Der Einschnitt im Hang
Um Windschutz zu haben, hatte die Gruppe eine Stufe in den Hang gegraben. Damit war die Schneedecke oberhalb des Zelts angeschnitten. In einem geschichteten Schneeprofil mit einer schwachen Zwischenschicht genügt das, um über Stunden eine Bruchspannung aufzubauen.
Die katabatischen Winde
In dieser Nacht wehten starke Fallwinde, also kalte Luft, die schwerkraftgetrieben den Hang hinunterströmt. Solche Winde tragen fortlaufend Schnee an und lagern ihn oberhalb ab. Die Last über der Schwachschicht wuchs also weiter, ohne dass jemand etwas dazu tun musste. Das erklärt die Verzögerung von mehreren Stunden zwischen Zeltaufbau und Abgang.
Die Größe des Bretts
Das abgehende Schneebrett war klein, nach der Modellrechnung nur wenige Meter breit. Es rutschte über die Kante der ausgehobenen Stufe und blieb kurz darunter liegen. Ein so kleines Ereignis ist nach Wochen mit Neuschnee und Wind nicht mehr nachweisbar. Genau deshalb fanden die Suchtrupps nichts.
Die Verletzungen
Der spannendste Teil der Arbeit betrifft die Brüche. Die Forscher griffen auf Daten aus der Fahrzeugsicherheitsforschung der 1970er Jahre zurück, in der die Belastbarkeit menschlicher Brustkörbe gemessen wurde. Entscheidend ist die Unterlage: Ein Mensch, der auf hartem, starrem Untergrund liegt und von einem Schneeblock getroffen wird, erleidet ganz andere Verletzungen als jemand, der auf weichem Boden liegt.
Im Zelt lagen die Wandernden auf ihren Skiern, die als Unterlage dienten. Damit war die Konstellation gegeben, die schwere Kompressionsbrüche ohne äußere Wunden erzeugt. Für die Simulation der Schneebewegung nutzte Gaume übrigens Programmcode, der ursprünglich für die Schnee-Animationen eines Disney-Films entwickelt wurde. Das ist kein Gag, sondern der Grund, warum sich die Physik überhaupt so genau nachrechnen ließ.
Was danach geschah, Schritt für Schritt
Aus den Befunden und der Modellrechnung ergibt sich eine Kette, die ohne jedes Rätsel auskommt:
- Mitten in der Nacht löst sich oberhalb des Zelts ein kleines Schneebrett und begräbt einen Teil der Schlafenden teilweise.
- Der Ausgang ist blockiert oder verschüttet, deshalb wird die Zeltwand von innen aufgeschnitten. Das erklärt den auffälligsten Befund von allen.
- Mehrere Verletzte müssen getragen werden. Die Gruppe zieht sich geordnet zum Waldrand zurück, weil ein weiterer Abgang droht und der Wald Schutz bietet. Das erklärt die ruhigen Fußspuren.
- Am Waldrand wird ein Feuer entzündet. Zwei sterben dort an Unterkühlung.
- Drei versuchen, zurück zum Zelt zu gelangen, um Ausrüstung zu holen, und erfrieren unterwegs.
- Vier bauen eine Schneemulde im Bachbett. Sie überleben am längsten, sterben aber an ihren Verletzungen und der Kälte. Die Schneedecke über ihnen bricht später ein.
Die offenen Details, ehrlich benannt
Auch mit der Lawinenerklärung bleibt nicht jede Kleinigkeit restlos geklärt. Diese Punkte werden am häufigsten angeführt:
| Auffälligkeit | Wahrscheinliche Erklärung |
|---|---|
| Opfer in Unterwäsche | paradoxes Entkleiden, ein bekanntes Phänomen im Endstadium der Unterkühlung, bei dem die Betroffenen Hitze empfinden |
| Fehlende Zunge und Augen | die vier lagen von Februar bis Mai in fließendem Wasser, Verwesung und Kleinlebewesen erklären den Verlust von Weichteilen |
| Radioaktive Spuren | zwei der Männer hatten beruflich mit radioaktiven Materialien zu tun, Kontamination der Kleidung ist naheliegend |
| Orangefarbene Lichter am Himmel | zeitgleiche Raketentests in der Region sind dokumentiert, Sichtungen gab es auch an anderen Tagen |
| Bräunliche Haut der Toten | normale Verfärbung durch Kälte, Sonneneinstrahlung und beginnende Verwesung |
Die russische Generalstaatsanwaltschaft nahm den Fall 2019 neu auf und kam im Juli 2020 zu einem ganz ähnlichen Schluss: Lawine, Orientierungsverlust bei Sichtweiten von wenigen Metern und Kältetod. Militärische Ursachen wurden ausdrücklich ausgeschlossen.
Die Theorien, die sich hartnäckig halten
Warum bleibt der Fall trotzdem ein Mysterium in der öffentlichen Wahrnehmung? Weil die Alternativerklärungen einfach die besseren Geschichten sind.
- Infraschall. Der Wind soll an der Bergkante tieffrequente Schwingungen erzeugt haben, die Panik auslösen. Physikalisch nicht ausgeschlossen, erklärt aber weder die Brüche noch das aufgeschlitzte Zelt.
- Militärtest. Beliebt wegen der Radioaktivität und der Lichter. Die Verletzungsmuster passen jedoch zu keinem Sprengereignis, und Beweise fehlen bis heute.
- Angriff durch Einheimische. Mansi-Jäger gerieten 1959 kurz unter Verdacht. Es gab keinerlei Spuren fremder Personen, und der Verdacht wurde schnell fallengelassen.
- Yeti. Geht auf ein Scherzbild der Gruppe selbst zurück, das in ihren Unterlagen gefunden wurde. Aus einem Studentenwitz wurde eine Fernsehtheorie.
Dieses Muster kennt man von anderen Fällen: Sobald eine Lücke in der Erklärung bleibt, füllt sie sich mit der spektakulärsten verfügbaren Geschichte. Beim Bermudadreieck läuft es genauso, und beim Voynich-Manuskript wird seit hundert Jahren mehr spekuliert als geforscht. Warum unser Gehirn dabei so zuverlässig in dieselbe Falle tappt, steht im Beitrag über die Unglückszahl 13.
Häufige Fragen zum Djatlow-Pass
Was ist am Djatlow-Pass passiert?
In der Nacht zum 2. Februar 1959 verließen neun Skiwanderer ihr Zelt am Nordural fluchtartig, nachdem sich oberhalb ein kleines Schneebrett gelöst hatte. Alle starben an Unterkühlung und schweren Verletzungen. Der Pass wurde später nach dem Gruppenleiter Igor Djatlow benannt.
Ist das Rätsel vom Djatlow-Pass gelöst?
Weitgehend ja. Eine Modellrechnung von 2021 erklärt alle wesentlichen Befunde durch eine verzögerte Schneebrettlawine. Die russische Generalstaatsanwaltschaft kam 2020 unabhängig davon zum selben Ergebnis. Einzelne Details bleiben unsicher, für übernatürliche oder militärische Ursachen gibt es keine Belege.
Warum schnitten sie das Zelt von innen auf?
Weil der reguläre Ausgang durch Schnee blockiert war und die Gruppe im Dunkeln schnell hinausmusste. Genau dieser Befund galt lange als unerklärlich und ist unter der Lawinenannahme die logischste aller Handlungen.
Warum waren die Opfer teilweise ausgezogen?
Das nennt sich paradoxes Entkleiden. Im Endstadium einer schweren Unterkühlung erschlaffen die Blutgefäße, warmes Blut strömt in die Haut und erzeugt ein starkes Hitzegefühl. Betroffene ziehen sich dann aus. Das Phänomen ist bei Kältetoten gut dokumentiert.
Woher kam die Radioaktivität auf der Kleidung?
Zwei Mitglieder der Gruppe arbeiteten beruflich mit radioaktiven Materialien. Die gemessenen Werte waren gering und betrafen nur einzelne Kleidungsstücke, nicht die Fundstelle selbst.
Was der Fall wirklich zeigt
Am Djatlow-Pass ist nichts Übernatürliches geschehen. Passiert ist etwas viel Beunruhigenderes: Eine erfahrene, gut ausgerüstete Gruppe traf eine kleine, vernünftig begründete Entscheidung, nämlich eine Stufe in den Hang zu graben, und diese Entscheidung wurde unter sehr seltenen Bedingungen tödlich.
Dass es 62 Jahre gedauert hat, bis jemand die Physik dahinter durchgerechnet hat, sagt weniger über den Fall aus als über uns. Eine offene Frage hält sich in unseren Köpfen hartnäckiger als eine nüchterne Antwort. Und neun tote Studierende auf einem Berg namens Totenberg sind eben eine bessere Geschichte als eine Schneeschicht, die nachgegeben hat.















